Tom Piber

Die Beach Boys und ich

Als ich im Alter von 19 Jahren meinen Wehrdienst absaß, hatte ich das erste einschneidende Erlebnis mit den Liedern der Beachboys. In Salzburg teilten sich vierzehn Rekruten einen Schlafsaal für 40 Mann. Die Gruppe war wild zusammengewürfelt, aus Kärnten, Tirol, Salzburg, Oberösterreich und der Bundesrepublik. Die zahlenmäßig am stärksten vertretenen waren die aus Kärnten; da bin ich her. Mein Musikkonsum war immer schon vielgestaltig. Mir gefiel ein breites Spektrum von Austropop über Chansons, Rock’n’Roll, Jazz, Klassik bis zu Liedermachern und New Wave.

In der Nachbarkoje hauste einer der Salzburger Delegation. Er hieß so ähnlich wie Rockola (ich kenne den genauen Namen noch, aber Rockola klingt witziger und eine namentliche Nennung hat der Trottel nicht verdient). Rockola hatte ein, und zwar genau ein, Gesprächsthema: Windsurfen. Vielleicht der zweite richtige Trendsport nach Skateboarden in Österreich, damals. Und Rockola hatte eine MC und ein Tapedeck mit Autoreverse- und Weckfunktion. Und auf der MC war eine Band: Die Beach Boys. Soweit ich mich erinnern kann ausschließlich Surfssongs; Surfing USA, Surf’s Up, Surfing Safari, - Surf, Surf, Surf. Vier Monate meiner Präsenzzeit wurde ich nicht mit dem Ruf „Tagwache!“ aus dem Schlaf gerissen, nein, Mike Love und Co. dröhnten durch den Zellenblock. „Let’s go surfin’ now, ev’rybody ’s learning how ...“ und keine Rhonda weit und breit die da helfen konnte. Ich hasste Rockola, hasste die Beach Boys, den Wehrdienst sowieso und verweigere mich bis heute dem Windsurfen.

Jahre später saß ich mit Michael Janesch (der Name stimmt), einem Freund, in seinem Wohnzimmer und wir hörten die Singles und LPs seines verstorbenen Vaters durch. Beatles, Stones, Duke Ellington, Piano Boogie, Lionell Hampton und, du hast es erraten, Beach Boys. Die klangen plötzlich irgendwie anders in meinen Ohren. Michael und ich begannen in verklärten Geschichten aus der Bundesheerzeit zu schwelgen. Ausgeschmückt mit Erlebnissen die wir so nie erlebt hatten, aber man verklärt wohl die Erinnerung an eine Zeit, die man gehasst hat. Die Gedanken kehrten wieder zur Musik zurück und in unserem Nicht-ganz-nicht-Vertrautsein mit der Geschichte der Beach Boys begannen wir die Songs zu kategorisieren. In die eine Gedankenschachtel kamen die „normalen“ Songs, in die andere taten wir die Lieder, deren Entstehen wir dem, für uns, vermeintlichen Drogenkonsum der Band zuschrieben. So einfach war die Welt damals für uns. Irgendwann fiel mir ein, dass Rockola ausschließlich die „normalen“ Songs auf seiner MC gehabt hatte. Schachtel zu.

Wieder vergingen Jahre. Hin und wieder gab es einen Jam oder eine Party wo ein Angeheiterter unweigerlich „Ba-ba-ba-babaran“ skandierte und alle anwesenden Nicht- und Musiker laut, falsch und mit Gitarrenbegleitung den Refrain losbrüllten. Den ganzen Text kannte eh keiner. Wozu auch, die Schachtel blieb zu.

Die Beach Boys waren nicht trendlos. Vielmehr verfolgten sie und/oder kreierten sie einen musikalischen Trend und stehen auch für eine bestimmte Lebenshaltung. Vielleicht kann man einen Teil ihres Schaffens (erste Schachtel) als Frühlingsboten der Fun-Generation betrachten. Rock’n’Roll ohne Dämonen, ohne ernsthafte Auflehnung gegen die Altvorderen. Im äussersten Fall unerlaubtes Ausborgen von Papis Auto. Kein Schulschwänzen sondern braves, wenn auch ungeduldiges, Warten auf die Sommerferien, Surfer Girls, Surfing Safaris, Cabrios, Fang-die-Welle, Strand, Party, Fun, Fun, Fun, Ivy-League - bis Papi den Autoschlüssel wieder einkassiert.

Zur ungefähr selben Zeit finden in Amerika unter anderem statt:
Die Kuba-Krise, das Vietnamkriegsdesaster, das atomare Wettrüsten, die Ermordung von Martin Luther King und J.F.K., Rassenunruhen, der KKK treibt sein Unwesen, ebenso die Tupperware und, und, und.

Und nichts davon spiegelt sich in einem Beach Boy Song (vielleicht mit einer Ausnahme: 'The Warmth of the Sun' hat Brian geschrieben unter dem Eindruck der Ermordung JFKs). Die Beach Boys sind weder dafür, noch dagegen, sondern im Nir(gendwo)wana der Surfer. Während andere Bands sich zumindest mit ihren eigenen Problemen in ihren Songs auseinandersetzen, leben die Beach Boys ein Doppelleben. Privat verfallen sie genauso wie viele andere den Drogen, leiden an Depressionen und werden von Ängsten gepeinigt. In ihren Songs finden sie keinen Zugang zu sich selbst, zumindest nicht zu ihren dunklen Seiten. Und sie werden zurecht nicht nach Woodstock eingeladen.

Januar 2000: Harry und ich werden von Gert und Rolf gefragt, und wir sagten zu. Die Probearbeit begann und auch die Suche nach einem adequaten Bandnamen der leicht auszusprechen ist; leichter als Three Tight. Harrys Vorschlag „BeachBand“ setzte sich durch und das Unwort 'beachig' (sprich: bietschig) im bandinternen Sprachgebrauch fest. Der Sommerjob fesselte uns in Folge drei Jahre an die Casino Arena in Velden. Wir gaben Tanzmusik zum Besten, für apoplexiegefährdete Tanzpaare mittleren und greisen Alters, in brütender Hitze, für lausige Gagen. Du merkst: diese Zeit ist bei mir noch nicht der Verklärung anheim gefallen.

Schon bei den ersten Proben im März erkennt vor allem Gert, welches Potential in der BeachBand steckt. Das zweite Lied, das wir einstudieren, ist „Sloop John B.“ – in der Version der Beach Boys - und uns allen wird klar, dass das unser Weg wird, musikalisch. In Folge fügten wir viele Songs der Beach Boys unserem Repertoire hinzu und verwandelten auch Lieder von Zeitgenossen der Beach Boys bis herauf ins Jetzt, in eigene, eigenwillige, vierstimmig arrangierte Versionen. Maßgeblichsten Anteil an diesem nie endenwollenden Prozess hat Gert, unser musikalisches Wonder-Mind.

Die Beachboys wären wahrscheinlich mit irgendeiner Welle davongeschwemmt worden, wenn nicht Brian Wilson, das Genie in der Gruppe, begonnen hätte über den Rand des Surfbretts hinauszublicken. Und das schon sehr früh in seiner Schaffenszeit. Ich will ihm nicht unterstellen das Denken über die Kunst gereiht zu haben. Das spekulative Element der Gruppe war und ist Mike Love, der am wenigsten bereit schien, die Welle, die er einmal unter sich spürte (Schachtel eins), experimentell zu verlassen (Schachtel zwei). Brian war so sehr von seinen musikalischen Visionen besessen, dass er schon in der frühen Entwicklungsphase der Band mit seinen kunstvoll verschachtelten Gesangssätzen den Beach Boys etwas Unverwechselbares und schwer zu Immitierendes mitgab. Der Zeitraum wo ich, durch unsere Arbeit mit der BeachBand, an diesen Songs reifte, war auch jener in dem ich immer tiefere Ehrfurcht zu empfinden begann, für Brian und seine einfachen, komplexen Songs. Und gleichzeitig habe ich mein Rockola-Trauma überwunden.